URSULA KRENZLER

PRESENT TO MY MIND

Kleines Seestück, 2016, 55 x 75 cm Once, 2016, 50 x 40 cm Sunflash, 2018, 100 x 100 cm Weideland III, 2017, 60 x 60 cm Japanischer Garten, 2016, 110 x 160 cm Finistère, 2018, 100 x 100 cm Am Toten Meer, 2016 warte mal, 2016 Weideland, England, 2017
White Peak, England, 2016 am Meer, 2014 White Peak, Weideland, 2017 Bretagne Süd II, 2016 deux fois, 2014 kein zurück, 2016 Aue, 2016 Déjà vu, 2016 Finistère, Bretagne, 2016
secret place, 2016 Eisland, 2016 Weideland, England, 2016 kleines Strandbild, Finistère, 2016 Lupinus, 2012, 80 x 120 cm Nachtzug, 2015 Palazzo, 2015 Elie, 2013, 160 x 120 cm

Katalog zur Ausstellung: ISBN  978-3-948021-00-9

Rede von Dr. Thomas Münch zur Eröffnung der Ausstellung PRESENT TO MY MIND

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Was sind das für Zeiten, wo

ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist,

weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“

So Bertolt Brecht im Gedicht „An die Nachgeborenen“, welches er 1934-38 im dänischen Exil (Svendborger Gedichte) schrieb.

Angesichts der Vorkommnisse in Chemnitz, wo ein rechtsradikaler Mob Flüchtlinge jagt, wo der „Schoß noch fruchtbar ist“, von bestürzender Aktualität.

Brecht paraphrasierend könnte man da sagen „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Kunst fast ein Verbrechen ist“.

Wo aber Gefahr ist, wächst

Das Rettende auch.“

Oder ist Hölderlin da nur wohlfeil – ein „Kalenderspruch“?

Trostreich, aber leer?

Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat 2018 ein Reclambändchen mit dem vordergründig kryptischen Titel

Die Vereindeutigung der Welt –

Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ verfasst.

Worum geht es hier?

Es geht in diesem Text um die Frage der Ambiguitätstoleranz.

Also um die Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit, Unentscheidbarkeit und Vagheit – Ambiguität eben.

Denn, so Thomas Bauer, es ist eine anthropologische Konstante, sozusagen Menschenschicksal, mit Ambiguität leben zu müssen.

Problem: die Psychologie behauptet, dass Menschen tendenziell ambiguitätsintolerant sind.

Wir lieben das Eindeutige und halten Ambiguität schlecht aus – wofür die aktuellen politischen Zustände ein gutes Beispiel liefern.

Aber: Eindeutigkeit ist ein seltener Zustand, es scheint eher so zu sein, dass wir von einer Ambiguität in die nächste taumeln!

Interessant ist dabei: in verschiedenen Epochen und Kulturen gab und gibt es sehr unterschiedliche Ambiguitätstoleranzen!

Der Gegenpol zur Ambiguitätstoleranz ist Fundamentalismus.

Eine einzige Wahrheit

Ablehnung des historisch Gewordenen -> zum Ursprung

Reinheit

Wahrheitsobsession, Geschichtsverneinung, Reinheitsstreben

Demgegenüber werden Vielfalt, Komplexität und Pluralität nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung empfunden!

Und so kommt es zur Vereindeutigung der Welt:

Und Vereindeutigung bedeutet ein Weniger an Bedeutung, an Vielfalt und an Ambiguität

Und so landen wir wieder in Chemnitz –

am großen Denkmal für Karl Marx!

Eine Farce oder eine Komödie?

Wo aber Gefahr ist, wächst

Das Rettende auch.“

Kunst kann nicht exakt definiert werden. Niemand kann und soll angeben können, wo Kunst anfängt und wo sie aufhört“ (Bauer)

Denn Kunst ist immer uneindeutig und immer polyvalent – außer sie ist vollkommen zur Ware geworden, kommodifiziert – nur noch Spekulationsobjekt für die 1 %, denen die Welt gehört. Siegerkunst eben.

Oder sie bedeutungslose Stadtmöbilierung, die weder stört noch verstört.

Aber trotz alledem, so Bauer, bergen die Künste das größte Ambiguitätspotential!

Und die Kunst könne dabei helfen, Ambiguitätstoleranz auszubilden!

Ursula Krenzlers Bilder, die sie uns heute unter dem Titel „Erinnerte Landschaften“ vorstellt, sind einerseits visuelle Rufe, die erlebte Landschaften – ob im Traum oder in der Wirklichkeit – evozieren.

Sie führt uns in Gedächtnislandschaften, die bereits in uns sind.

Dabei sind die Bilder überzogen mit einem melancholischen Firnis.

Das alles macht sie mehrdeutig, vieldeutig – nie ist in ihnen klar und deutlich, was noch im Hintergrund lauert. Aber es lauert dort etwas!

Ist es vielleicht ein Widerschein dessen, das uns daran hindert „Herr im eigenen Hause“ zu sein?

Deux fois“ – zweimal gesehen. Ein „weindunkles“ Meer wie Homer sein Meer beschreibt, kein strahlendblaues Mittelmeer, wie wir es gerne sehen wollen. Sehen wir eine Insel oder ist es ein Sonnenfleck. Was lauert dunkel im Vordergrund? Ertrage ich es, das Bild und das was in ihm lauert?

Drei quadratische Landschaften – England „White Peak“, Totes Meer, Bretagne. Drei Meerlandschaften. Seit Georges-Arthur Goldschmidt wissen wir über den Zusammenhang zwischen Mutter und Meer – „Quand Freud voit la mer – Als Freud das Meer sah“ - so der Titel. Welche Magie geht von dieser endlosen Fläche aus, wie sie uns anzieht – will unser Stammhirn zurück an den Ort wo wir herkommen? Das Meer, die Mutter?

Deja vu“ – eine phantastische Landschaft nennt Ursula Krenzler das Bild. Was ist Himmel, was ist Meer, was sind Wolken – was ist hier was und in welchem Traum ist es mir begegnet?

Wobei wir ja dank Hollywood alle wissen, dass ein „Deja vu“ ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass der Feind in der Matrix ist!

Sunflash“ – „zack, dahin geworfen“ beschreibt die Künstlerin diesen bretonischen Sonnenuntergang mit Nachhall. Ein Bild welches mir auf der Iris nachhallt, wenn ich die Augen schließe. Ist es wirklich nur ein Sonnenuntergang? Ist es nicht eine brennende Stadt am Horizont, Zerstörung, Feuer und Tod? Bricht es im nächsten Augenblick aus dem Bild heraus und über uns herein?

kleines Seestück“ in der Bretagne – mein persönliches Lieblingsbild. Warum? Ist es wirklich ein Seestück? Ist es nicht vielmehr gefrorenes Eis oder ein Strand kurz vor einem Wintersturm Hört man nicht schon den Wind, wenn man das Ort nahe an das Bild hält? Schaut man zu sehr hinein, steht man schon selbst dort links am Stand?

Palazzo“ - Die Spiegelung der Bürgerhäuser von St. Malo im Meer – so die Malerin. Aber Palazzo? Wer wohnt hier? Eine Eisprinzessin? Wer tritt im nächsten Augenblick aus den Türen? Eiskalt!

Lassen Sie sich nicht täuschen von den Vordergründen, den scheinbar bekannten Landschaften, den Blumen und Birkenstämmen. Nichts ist hier eindeutig, nichts klar, und nichts ist so wie es vorgemalt ist.

Und die Melancholie ist nicht nur Firnis, sie ist auch Grundierung, die an der einen oder anderen Stelle plötzlich sichtbar wird, als wenn ein Ertrunkener im Fluß aufscheint.

Halten Sie Abstand vom Bild, gehen Sie nicht zu nahe ran – Sie könnten verloren gehen.


Wo aber Gefahr ist, wächst

Das Rettende auch.“

Es ist nicht nur kein Verbrechen, in diesen Zeiten über Kunst zu sprechen, es ist vielmehr eine Notwendigkeit, genau das zu tun! Denn nur in diesem Sprechen über Kunst und Uneindeutigkeiten gewinnen wir die Argumente, den Mut und die Kraft, der Vereindeutigung der Welt entgegen zu treten.

Lassen Sie sich durch die Bilder von Ursula Krenzler ermutigen – ihre Bilder haben diese Kraft!

Literatur:

Bauer, Thomas. 2018: „Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclam.